Frankenstein

Vier mal Frankenstein

Egal, welche Version von Frankenstein man liest oder anschaut, man kann nicht anders als über Gut und Böse, Recht und Unrecht, moralisch und unmoralisch nachzudenken. Wo fängt das Leben an, wo endet es? Wo sitzt die Seele? Bleibt sie, wenn man stirbt oder verschwindet sie? Ist Gutes von Geburt an da und Böses lernt man oder umgekehrt oder beides?

War der Mensch tatsächlich einerseits so mächtig, so tugendhaft und großartig, und andererseits so verderbt und gemein? Er erschien mir einmal wie eine Verkörperung des bösen Prinzips und ein andermal edelmütig und gottähnlich. Frankenstein, S. 152

Wer ist eigentlich dieser Frankenstein?

Für die, die es bis heute geschafft haben, die Geschichte von Frankenstein nicht mitzubekommen, fasse ich sie kurz zusammen.

Der talentierte und kluge Viktor Frankenstein ist Medizinstudent mit einer Vorliebe für das Extreme. Immer einen Schritt weiter; geht nicht, gibt es nicht. Er ist der Überzeugung, dass es nicht allein Gott vorbehalten ist Leben zu schaffen, sondern dass auch der Mensch in der Lage sein kann dies zu tun. Und tatsächlich gelingt es ihm.
Viktor Frankenstein bringt Etwas zum Leben. Ein Wesen, zusammengesetzt aus Teilen Verstorbener. Abgeschreckt von dem Ergebnis und seiner Leistung überlässt er das Wesen sich selbst.

Das Wesen hat – anders als von Frankenstein angenommen, der es als Monster sieht – Gefühle, ein Herz und eine Seele. Es liebt und will geliebt werden. Doch widerfährt dem Wesen keine Liebe, denn es ist entstellt und sieht unmenschlich aus.
Es zieht sich vor den Menschen zurück, die dem Wesen immer nur mit Abscheu und Feindseligkeit begegnen.
Zurückgezogen lebt es in der Nähe einer Familie, die unwissend von dessen Anwesenheit ist. Es lernt sprechen und erfährt von der weltlichen Geschichte und Poesie und hilft ungesehen den Bewohnern des Hauses bei der schwerlichen Feldarbeit.
Es traut sich schließlich sich der Familie vorzustellen, ist es doch zivilisiert, freundlich und hilfsbereit. Doch wieder erfährt es nur Ekel und Hass.

Es beschließt Viktor Frankenstein aufzusuchen, der dem Wesen eine Gefährtin schaffen soll, die genauso missgebildet ist wie es selbst, damit es nicht mehr allein sein muss. Viktor verweigert den Wunsch, woraufhin das Wesen Rache schwört und jeden tötet, den Viktor liebt.

Wenn ich keine Liebe einflößen kann, will ich Furcht säen. Frankenstein, S. 188

Noch kürzer zusammengefasst: die Geschichte handelt davon, wie der Mensch ein Monster schafft. (Und das nicht in dem Leichenteile aneinander genäht werden, sondern indem der Mensch Gefühle anderer Wesen nicht achtet – nur für den Fall, dass das nicht deutlich genug war.)

Adaptionen und Umsetzungen

Es gibt mittlerweile wie gesagt verschiedene Versionen der Geschichte. Ich habe mir im letzten Monat vier davon zu Gemüte geführt.

Meine liebste Version ist das Theaterstück unter der Regie von Danny Boyle aufgeführt am National Theatre in London mit Benedict Cumberbatch als das Wesen und Jonny Lee Miller als Viktor Frankenstein. (Sollte es das mal auf DVD geben, bitte Bescheid sagen. Danke!)

Mary Shelley hat einen grandiosen Gedanken verfolgt und zu Papier gebracht. Beeindruckend fortschrittlich, wenn man sich vor Augen führt, wann sie das Buch geschrieben hat: 1818. Transplantationen, Prothesen, alles was heute selbstverständlich ist, war experimentell und fand meist hinter verschlossenen Türen im Geheimen statt.
Doch holt Mary Shelley weit aus für die Geschichte von Frankenstein. Sie beginnt mit seiner Kindheit und allem was zu seinem Leben dazugehörte. Was wichtig ist für alles was kommt, mir persönlich aber an mancher Stelle einfach zu langatmig war.

Da hat das Theaterstück für mich einfach besser funktioniert. Statt Frankenstein bekommt hier das Wesen mehr Erzählraum, was der eigentlichen Thematik, nämlich dass der Mensch das wahre Monster ist, viel gerechter wird. (Aber das ist nur meine Meinung und Interpretation des Originals.)

Frankissstein oder die moderne Adaption

Für mich nicht weniger fortschrittlich und grandios die 2019 erschienene Version Frankissstein von Jeanette Winterson.
Winterson erzählt die Geschichte von und hier zitiere ich einfach mal den Klappentext:

„Ry Shelley (ein transgender Arzt), der sich in Victor Stein, einen renommierten wie unergründlichen Experten für künstliche Intelligenz verliebt.“

Victor Stein folgt der Frage, was wäre, wenn man das menschliche Bewusstsein vom sterblichen Körper trennen könnte und so dem Tod entgehen und ewig leben könnte. Winterson verbindet den Erzählstrang von Victor Stein und Ry Shelley mit dem von Mary Shelley während der Entstehungszeit des Buches Frankenstein.
Wo beginnt die Seele und wo geht sie hin wenn der menschliche Körper stirbt? Wie wirkt es sich auf den Menschen aus, wäre er nicht mehr an einen Körper gebunden und könnte sein, was immer er sein möchte? Würden Liebe und menschliche Beziehungen auf der Strecke bleiben, wenn künstliche Intelligenz so weiterentwickelt würde, dass sie nicht mehr als künstlich wahrgenommen würde?

Ich soll dir mein Herz schenken?
Schenken? Nein. Ich würde es mir gern nehmen.
Und was würdest du damit machen?
Ich würde es untersuchen. Es ist doch der Sitz der Liebe.
Angeblich …
Ja, angeblich. Niemand sagt, ich liebe dich von ganzer Niere. Ich liebe dich mit ganzer Leber. Niemand sagt, meine Gallenblase gehört nur dir. Niemand sagt, sie hat mir den Blinddarm gebrochen. Frankissstein, S. 191

Weil ich danach noch immer nicht fertig war mit dem Thema Frankenstein, habe ich auch noch die Verfilmung von 1994 angeschaut (ich hätte mir lieber die Urverfilmung angesehen, aber die war leider nicht verfügbar).
Der Film hält sich bis auf wenige Ausnahmen an die Buchvorlage, was grundsätzlich ein Plus ist und meiner Abneigung der sehr ausschweifenden Erzählung des Originals entgegenkommt. Dennoch wird der Film nicht ganz dem Grundgedanken gerecht und bleibt für mich einen Hauch zu oberflächlich und fügt zu viel Dramatik hinzu, die nicht unbedingt nötig gewesen wäre.

Mein Fazit

Im Gegensatz zu Dracula, sage ich bei Frankenstein: ein Klassiker, den man durchaus mal lesen kann. Und man sollte es unbedingt gelesen haben, bevor man Frankissstein liest, denn das Buch wird dadurch vollkommener.

Jede:r die/der die Chance hat das Stück des National Theatre (vielleicht zeigen sie es ja irgendwann mal wieder bei YouTube) zu sehen, sollte das unbedingt tun! (Weil sich meine Schwester beschwert hat, der Hinweis: haltet die erste Viertelstunde durch, ihr werdet belohnt!)
Was den Film angeht, den kann man sich an einem verregneten Sonntag an dem man sonst nichts zu tun hat, anschauen, wenn man alles andere kennt, ist er aber keine Bereicherung und bahnbrechend ist er leider auch nicht (und das obwohl die wunderbare Helena Bonham Carter mitspielt).

Im Mutterleib beginnt das Herz am zweiundzwanzigsten Tag zu schlagen. Es hört nie damit auf. Bis es aufhört. Frankissstein, S. 388


Weitere Rezensionen

„Jeder, der gerne liest, sollte Frankenstein kennen.“ Magret Kindermann vom Buchensemble

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