Väterland Christophe Léon

Väterland | Christophe Léon

Seit einem Jahr müssen Personen desselben Geschlechts, die sich in der Öffentlichkeit küssen, mit sechs Monaten Gefängnis und einer Strafe von mehreren Tausend Euro rechnen. Aber die Situation ist eindeutig genug, der Notar begreift sofort, wo er die zwei suspekten Männer einzuordnen hat.
„Ich bin Anwalt und ich habe immer wieder gegen diese Leute prozessiert. Wenn sie anfangen, von Liebe und Freiheit zu faseln, ach was, welch schönes Märchen! Ich antworte mit Recht und Gesetz. Wenn wir ihre Ehen auch noch nicht rechtlich annullieren können, so werden wir uns wenigstens vor ihnen schützen, indem wir sie in gewissen Einrichtungen oder Aufnahmelagern sammeln. Es gibt überhaupt keinen triftigen Grund, das Gesetz nicht anzuwenden. Ihre eigenartigen Verbände, die sie verteidigen, sollen ruhig versuchen, uns einzuschüchtern und Himmel und Hölle in Bewegung setzen. Wir lassen usn davon nicht beeindrucken. Demokratie bedeutet, das Mehrheitsprinzip anzuwenden und die Vernunft. Unsere Mitbürger wollen nichts mit ihnen zu tun haben, das ist gesunder Menschenverstand. Das Recht ist für alle gleich. Mich persönlich widern sie an. […]“ S. 51

Der Inhalt

Ein dystopischer Jugendroman. Frankreich in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft, in welcher die Stimmung gleichgeschlechtlichen Paaren gegenüber kippt.
In einem schleichenden Prozess werden gleichgeschlechtliche Paare immer mehr eingeschränkt, zu ihrem Schutz, wie es heißt. Es beginnt mit dem erneuten Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen und das gleichgeschlechtliche Paare keine Kinder mehr adoptieren dürfen; führt dazu, dass eben diese Paare eine rosa Raute tragen sollen (angeblich damit im Falle von homophoben Übergriffen seitens der Polizei schneller und besser eingegriffen werden kann) und schon nach einigen Jahren müssen all die Paare in ein Getto umziehen, dürfen Paris nicht mehr ohne Genehmigung besuchen.

Erzählt wird die Geschichte von der fast 13-jährigen Gabrielle; Adoptivtochter des verheirateten Paars Phil und George. Die Geschichte wechselt sich ab zwischen Erinnerungen und Gegenwartserzählungen, die klug miteinander verwoben sind.

Meine Meinung

Papa George schleppte seinerseits nun immer ein Messer in der Tasche mit sich herum, trotz der spöttischen Bemerkungen von Phil, der das melodramatisch fand:
„Was willst du mit deinem Säbel anfangen? Die Dummheit in Scheiben schneiden?“
„Mich wehren.“
„Gegen wen?“
„Spiel nicht den Idioten, du weißt nur zu gut …?“
Dieses Messer beruhigte mich nicht. Es erschien mir wie ein Zeichen von Schwäche. War George nicht stark genug, um sich ohne Waffe zu wehren? Und was bedeutete sich wehren – gegen wen wehren? S. 64

Christophe Léon schafft es in sehr kurzer Zeit die bedrückende Stimmung einzufangen und zu vermitteln, was sich innerhalb weniger Jahre verändert hat. Vieles passiert zwischen den Zeilen, also im Kopf des Lesers; Léon lässt Platz zur Interpretation und für eigene Überlegungen. Was ich grundsätzlich gut finde, mich bei einem Jugendbuch aber frage, ob es genügt um zu vermitteln, dass es eben keine Rolle spielt, welches Geschlecht man hat, solange man liebt und respektiert und dass ein Kind ein ebenso erfülltes Leben bei einem gleichgeschlechtlichen Paar, wie bei einem „klassischen“ Paar haben kann.

„Diese Schwachköpfe“, schimpfte George, außer sich vor Zorn. „Was ist das, eine Familie? Ein Mann, der seine Frau schlägt, der sein Kind quält? Nein, ehrlich, das soll ein bewundernswertes Modell sein?“
„Was George sagen will, Gabrielle, ist, dass die Liebe weder ein Geschlecht hat noch eine Hautfarbe“, schaltete Phil sich etwas moralisierend ein. „Die Leute, die durch die Straßen ziehen, haben unrecht. Die Liebe kann man nicht bestimmen, auch nicht die sexuelle Vorliebe. George und ich, wir lieben uns, wir lieben dich und unsere Liebe ist genauso legitim wie die unserer Nachbarn, die unserer Freunde oder die von irgendjemand anderem. Wir müssen uns nicht dafür schämen, dass wir sind wie wir sind – niemals.“ S.40

Gabrielles Erzählungen von vergangenen Ereignissen zeigen eindrucksvoll, wie eine intakte Familie auszusehen hat: liebevoll, respektvoll, hilfsbereit.
Dass es keinerlei Rolle spielt, ob die Eltern Mann und Frau sind oder Mann und Mann oder Frau und Frau. Dass es keinerlei Rolle spielt, ob das Kind adoptiert ist oder nicht.
Dass Liebe und Familie rein gar nichts mit dem Geschlecht oder Blut zu tun hat.

Gleichzeitig hat mich die Geschichte schockiert.
Ich bin immer wieder entsetzt darüber, erinnert zu werden, dass die Geschichte sich wiederholen wird, immer wieder, wenn dem niemand etwas entgegensetzt. Ich empfinde Verständnislosigkeit darüber, dass Toleranz nicht selbstverständlich ist und es somit immer wieder zu so viel Hass und Unmenschlichkeit kommt. Der einleitende Auszug am Anfang dieses Artikels, lässt mich immer wieder fassungslos den Kopf schütteln, kaum Worte finden für die Engstirnigkeit mancher Menschen – und das obwohl ich weiß, dass der Notar nur eine fiktive Person ist. Das Wissen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die so denken … es ist mir unbegreiflich.

Fazit

Die Idee hat viel Potential. Viele Möglichkeiten diese ungerechten und idiotischen Entwicklungen weiterzuspinnen und ins Extrem zu treiben. Leider hat das Buch gerade mal 116 Seiten und konnte so zwar die Idee vertiefen und auch in den wenigen Seiten schon Entsetzen und Verständnislosigkeit in mir auslösen, ich finde aber, es hätte ruhig noch ausführlicher sein dürfen.

Ein Buch dass sich durchaus eignet, um über Homophobie, Sinnhaftigkeiten von Adoptionsverboten oder Ausgrenzung zu sprechen, über Liebe und Respekt, aber auch über Angst vor Unbekanntem und weniger konventionellen Lebensstilen.
Um es als Jugendlicher ohne begleitende Diskussion zu lesen, halte ich es allerdings für etwas zu oberflächlich. Es setzt einiges an Toleranz und Reife voraus, um die Geschichte richtig zu interpretieren.
Als Schullektüre mit unterstützenden und vertiefenden Gesprächen aber wohl durchaus geeignet. So jedenfalls mein Eindruck.

Anders zu sein war aber gar nicht so übel!


Weitere Rezensionen

Jennifer von Lesen in Leipzig

7 Gedanken zu „Väterland | Christophe Léon

  1. Ela sagt:

    Hey,
    das klingt in der Tat etwas bedrückend und ich war ganz verwundert, dass dieses Thema in nur 116 Seiten behandelt werden kann.
    Denke auch, dass es sich da eher für eine Schullektüre eignet, denn es würde definitiv auch genug Diskussionshintergrund bieten.
    Danke fürs vorstellen. :)
    Liebe Grüße
    Ela

    • MlleFacettenreich sagt:

      Huhu.
      Ja, war auch sehr überrascht, nachdem ich das buch bestellt hatte und so eine dünne Lektüre erhielt. Zumal ich von der Leseprobe die ich bekommen hatte, ja schon wusste, in welche Richtung die Thematik geht. Aber als Diskussionsgrundlage funktioniert es sicher gut.
      Vielleicht macht das ja mal ein/e Lehrer/in und findet zufällig diesen Artikel und bestätigt (oder widerlegt), ob es wirklich dafür zu gebrauchen war. :-)
      Danke für deinen Kommentar und liebe Grüße! <3

  2. MlleFacettenreich sagt:

    Die Leseprobe damals fand ich echt gut. Hab das Buch dann geschenkt bekommen und an dem Buch selber hat man keinerlei Hinweis darauf, dass es ein Jugendbuch ist. Das habe ich tatsächlich erst beim Recherchieren für die Rezension herausgefunden.
    Beruhigt mich aber, dass ich damit nicht alleine bin …

  3. Janna | KeJas-BlogBuch sagt:

    Ohja, das glaube ich dir – 116 Seiten für diese Gedanken und Thematik sind wenig, das muss man verschriftlichen können! Aber manchmal will Autor*in nur anstoßen und nicht vertiefen – so ist es bspw. bei der Anthologie „Sehnsuchtsfluchten“ oder verschiedener Novellen. Man greift worum es Autor*in geht, was ggf seine/ihre Gedanken (oder das was gesagt werden soll) sind, Tief, aber nicht vertieft und dennoch absolut stimmig.

    Hab einen feinen Abend :-*

    • MlleFacettenreich sagt:

      Diese Problematik habe ich oft mit Jugendbüchern. Dass ich die Idee zwar absolut genial finde, aber es mir dann zu oberflächlich bleibt. Hat oft was von, mehr traut der Autor/die Autorin den Jugendlichen nicht zu. Was ich schade finde.
      Und wenn das gesamte Buch irgendwie als „Überlegung“ formuliert ist, dann komme ich damit auch gut klar, aber es kommt ja als Roman daher und nicht als Novelle oder ähnliches, dann habe ich zudem auch noch das negative Gefühl, dass irgendwie nicht mehr Lust oder Können vorhanden war. Was ich dann besonders schade finde.
      Vielleicht bin ich aber auch einfach nicht (mehr) gemacht für Jugendbücher … who knows.

      • Janna | KeJas-BlogBuch sagt:

        Ja, deswegen greife ich oft nicht zu Jugendbüchern – hab auch immer mal das Gefühl das Autor*innen ihre Leser*innen unterschätzen (erstens unverständlich für mich, zweitens lesen ja nicht nur 14jährige diese Bücher).Wenn die Erwartung eine andere war bzw. das Buch sich auch mit mehr anpreist als es ist, ist die Enttäuschung verständlicherweise da

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