This or That | Tanja Hanika

Heute wird es schaurig, denn Horrorautorin Tanja Hanika wählt im This or That Interview ihre Favoriten.
Der Clou bei diesem Interview: Die Autor:innen antworten nicht einfach mit dem Begriff für den sie sich entscheiden, sondern mit Textauszügen aus ihren Büchern.


This or That, Tanja Hanika?

Tee oder Kaffee?

»Nun habe ich Ihnen noch nichts von meinen älteren Forschungen berichtet. Aber ich muss Sie um absolutes Stillschweigen bitten. Sollte publik werden, was ich tue, was ich getan habe und vielleicht auch bald tun werde … ich kann nicht ermessen, wie unsere Mitmenschen darauf reagieren werden. Mistgabeln und Fackeln, mein lieber Henry Clerval. Das ist Viktor Frankensteins Freund, der den Wissenschaftler rettet, aber später selbst von der Kreatur getötet wird. Ich hoffe, diese Rolle fällt Ihnen nicht ebenfalls zu.« Doktor Moriensius erhob sich, holte zwei Tassen und eine Kanne. Kaffeeduft stieg Paul in die Nase. »Trinken Sie Kaffee? Ich kann gar nicht genug davon bekommen, seit ich mit dem Gebräu angefangen habe.«
»Gerne, danke.« Paul hätte alles getrunken, was der Doktor ihm anbot, um dieses Gespräch weiterzuführen. Es war ihm selbst die bitterste Medizin wert. Er schaute zu, wie der Doktor den Kaffee einschenkte, und fragte: »Aber weshalb weihen Sie mich ein?«
»Ich vertraue auf Ihre absolute Diskretion, Ihr gutes Herz und auf vor allem auf Ihr tüchtiges Gehirn.«
Da Moriensius seinem Schweigen mehr Zeit einräumte, als Paul es auszuhalten vermochte, holte Paul ihn aus seiner Gedankenwelt zurück. »Doktor Frankenstein also. Hat die Lektüre dieses Schauerromans Sie dazu bewogen, die Medizin zu studieren? Arzt zu werden?«
Werwölfe in Aremsrath

Lesen oder schreiben?

Wenn sie ehrlich zu sich war, hatte sie keinen Schimmer, was das Thema ihres Romans werden würde. Wie konnte sie dann wissen, ob der erste Satz passte? Die knochigen Finger der Schreibblockade griffen wieder nach ihr. Zerrten an ihrer Kleidung, kratzten über ihre Haut. »Nein. Einfach schreiben. Später verbessern!«, mahnte sich Lina, entschlossen, etwas zu Papier zu bringen und damit den Bann zu brechen. Beim Grübeln neigte sie ihren Kopf ein wenig nach rechts, schaute aus dem Fenster in den Wald hinein. Der mögliche Einstiegssatz hallte in ihrem Kopf nach, aber sie traute sich nicht, die Tasten anzuschlagen.
In ihrem Augenwinkel erschien die verschlossene Tür. Diese drängte sich in Linas Gedanken, vertrieb jegliche Idee für ihre Geschichte. Kribbelnde Neugier erfüllte sie plötzlich. »Entdeckergeist«, hatte das ihre Mutter früher immer liebevoll genannt. Aufstehen und zur Tür gehen oder endlich schreiben? Aufstehen? Schreiben?
Zwietracht – Mörderische Freundschaft

Buch oder Film?

Spontan schlug Melvins Herz ein bisschen schneller. Das Buch kam ihm bekannt vor. Es handelte sich um Gutenachtgeschichten, aber er konnte sich an die Geschichten selbst nicht erinnern. Seine Mutter blieb bei ihm sitzen, während er es durchblätterte, erzählte ihm, wie gern er das Buch damals gehabt hatte, dass er die Geschichten auswendig hatte mitsprechen können und welches seine drei Lieblingsgeschichten gewesen waren. Für einen Moment war er wieder der vierjährige Junge, dem diese Gutenachtgeschichten die Welt bedeuteten.
Das gelbliche Licht der Nachttischlampe strahlte behaglich, aber die Ecken seines Zimmers lagen bedrohlich im Schatten. Dicke, schwarze, undurchdringliche Dunkelheit wie letzte Nacht auf dem Dachboden, in der sich alles Mögliche verbergen konnte. Wie die Schatten dort, zu denen die Alte geworden war. Alles in ihm zog sich zusammen, als hätte sein Körper beschlossen, sich wegen der Bedrohung in Luft aufzulösen.
Hexenwerk – Die gestohlenen Kinder von Schwarzbach

Tag oder Nacht?

Ich kann keinen Menschen töten. Ich könnte nicht einmal ein Tier töten, das größer als eine Fliege ist. Keiner von denen will sterben. Aber ich will auch nicht sterben. Was soll ich nur tun?
All die Gedanken, die durch ihren Kopf wirbelten, machten sie schwindelig. Amber wollte in dieser Nacht noch nicht sterben, konnte sich nicht vorstellen, dass es kein Morgen gäbe. Sie hatte immer geglaubt, dass sie als glückliche alte Großmutter im Kreise ihrer Liebsten einschlafen würde, nachdem sie ein Leben voller Wunder gelebt hatte. Ein Glück, das viel zu wenigen Menschen vergönnt war. Wie enorm und fordernd dieser Wunsch war, wurde ihr erst jetzt bewusst. Amber drehte sich zur Plexiglaswand um. Mit gestrafften Schultern betrachtete sie die Waffenauswahl. Wenn sie diese glückliche Oma werden wollte, musste sie heute Abend dafür kämpfen. Selbst wenn es einem anderen Menschen das Leben kosten würde, musste sie dafür einstehen, sich selbst ein Leben zu ermöglichen. Der Kampf würde hart werden. Sie war schlank, nicht übermäßig stark. Aber sie war flink.
Der Angstfresser


Tanja Hanika Tanja Hanika ist Autorin von Horror- und Schauerromanen und Verfasserin vom »Arbeitsbuch für Schriftsteller« sowie vom »Ideenbuch für Schriftsteller«. Geboren wurde sie 1988 in Speyer, studierte in Trier Germanistik und zog anschließend in die schaurig schöne Eifel, wo sie mit Mann, Sohn und Katze lebt.
Seit sie mit acht Jahren eine »Dracula«-Ausgabe für Kinder in die Hände bekam, schreibt und liebt sie Gruselgeschichten, die sie nun als überzeugte Self-Publisherin veröffentlicht.

Website von Tanja Hanika



Die Interview-Reihe This or That erscheint zweiwöchentlich auf diesem Blog.
Alle bisher erschienene Beiträge sind hier zu finden.

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Janna | KeJasWortrausch
4 Monate zuvor

Lieb diese Interviewreihe <3