This or That Nicole Siemer

This or That | Nicole Siemer

Heute geht bereits das fünfte This or That Interview online!
Diesmal mit der Autorin Nicole Siemer – sie schreibt unheimliche Geschichten mit psychologischem Touch. Und heute beantwortet sie die Interviewfragen mit Auszügen aus ihren Büchern Akuma und Todessamen.


This or That, Nicole Siemer?

Tee oder Kaffee?

Diese Schreiberlinge waren ein seltsames Volk. Entweder liefen sie sich die Füße wund oder saßen stundenlang da, mit glasigem Blick, als wären sie in eine Art Wachkoma gefallen. Und wenn sie das nicht taten, hämmerten sie auf die Tastaturen ihrer Maschinen ein und tranken ein teuflisches Gebräu namens ›Kaffee‹.
Akuma

Blumen oder Bäume?

Nach einigen hektischen Schritten fiel Jessie etwas ins Auge. Zu ihrer Linken ragte eine Blutbuche in den Himmel, deren Blätterkleid alle anderen Bäume in den Schatten stellte. Sie strahlte etwas Majestätisches aus und kurz überlegte Jessie, sich tatsächlich vor ihr zu verneigen. Sie ließ ihre Angst hinter sich. Vergessen waren der Obdachlose und die Rentner, die sie an ihre eigene Zukunft erinnerten. Jetzt gab es einzig Jessie und die Blutbuche – die perfekte Leseecke.
Sie umrundete den Baum, ehe sie sich ins Gras setzte und den Rücken an den Stamm lehnte, der doppelt so breit war wie sie. Die Baumkrone ließ gerade genug Sonnenlicht durch, um problemlos lesen zu können, also schlug Jessie ihr Buch auf – einzelne Seiten begannen sich zu lösen – und tauchte ein in eine andere Welt. In ihre Lieblingswelt: das Wunderland.
Todessamen (aktuell nur Restbestände bei Amazon bestellbar. Eine Neuauflage folgt.)

Buch oder Film?

Jessie saß mit angezogenen Beinen auf der Couch. Das einzige Licht des Wohnzimmers ging von einer Stehlampe aus. In ihrem Schoß lag Alice im Wunderland. Sie wagte es nicht, das Buch aus der Hand zu legen. Sie brauchte es, wenn sie nicht enden wollte wie all die Figuren darin. Wenn sie nicht den Verstand verlieren wollte. Es gab ihr die Kraft, einen kühlen Kopf zu bewahren. Oder zumindest einen lauwarmen. Jessie hatte Alice im Wunderland gefühlt tausend Mal gelesen, doch es wurde ihr nie langweilig. Sie liebte die Sprache, in der Lewis Carroll so liebevoll Alices Weg beschrieben hatte. Sie liebte die Figuren – allen voran Cheshire, die ewig grinsende Grinsekatze, und den verrückten Hutmacher – und sie liebte die Welt an sich. Wunderland war völlig anders als die Umgebung, in der sie lebte. Oft träumte Jessie, wie Alice einen Weg dorthin zu finden. Durch einen Spiegel zu klettern, in ein Loch zu fallen oder nur durch eine Tür zu spazieren, die sie an einen Ort führte, der anders war als alles, das sie kannte.
Jessie schaute auf ihr Buch hinunter. Die Seiten waren vergilbt und abgegriffen. Weil sie viele Male in der Badewanne darin gelesen hatte, war das Papier durch den aufsteigenden Dampf wellig geworden. Der Buchrücken war an einigen Stellen durchgebrochen. Er wackelte hin und her und einzelne Seiten lösten sich aus ihm. Früher oder später würde das Buch auseinanderfallen.
Vielleicht sollte ich es neu binden lassen, überlegte Jessie. War das überhaupt möglich bei einem so alten Exemplar? Noch dazu in diesem Zustand? Oder ich kaufe mir einfach ein Neues.
Doch das würde sie nie übers Herz bringen. Alice im Wunderland war alles, was ihr geblieben war. Ihre Eltern hatten es ihr zum fünften Geburtstag geschenkt.Es war das Lieblingsbuch ihrer Mutter gewesen und sie hatte gewusst, es würde irgendwann ebenso Jessies Lieblingsbuch sein. Sie hatte recht behalten. […] Jessie vergrub ihr Gesicht zwischen den Seiten und atmete den Duft des alten Buches ein. Ein Geruch, der ihr vertraut vorkam und sie beruhigte: modrig, trotzdem angenehm. Eben der typische Geruch alter Bücher. Und versteckte sich darunter nicht eine weitere Note? Ein süßlicher Duft wie Blumen. Jessie atmete tief ein und lauschte dem leisen tropf tro-tropf, das von ihren auf das Buch perlenden Tränen verursacht wurde.
Todessamen (aktuell nur Restbestände bei Amazon bestellbar. Eine Neuauflage folgt.)

Nudeln oder Pizza?

Kjara erinnerte sich, wie sie vor einer Woche bereits zwei große Einkaufstaschen voller Lebensmittel in der linken Hand gehalten hatte und sich mühsam einen weiteren Beutel über die rechte Schulter gehängt hatte, dessen Inhalt aus fünf Gläsern Kaffeepulver bestand. Warum nur, muss ich immer gleich so viel einkaufen? In der freien Hand hielt sie einen Kaffeebecher. Sie versuchte gerade, umständlich daran zu nippen, als sie gegen jemanden prallte und ihr der Becher aus den Fingern glitt.
»Oh mein Gott, das tut mir leid!«, rief sie und betrachtete das Malheur. Vor ihr stand ein Mann im dunklen Anzug. Auf seinem weißen Hemd prangte ein hellbrauner Fleck. »Warten Sie, ich habe Servietten.« Kjara ließ die Taschen fallen und kramte in einer von ihnen herum. Die anderen Beutel kippten zur Seite und jede Menge Fertiggerichte kullerten auf den Bordstein. Sie spürte die aufkeimende Hitze in den Wangen und wollte mit der einen Hand weiter nach den Servietten kramen, während sie mit der anderen die Lebensmittel aufsammelte.
»Warten Sie, ich helfe Ihnen«, sagte der Mann und beugte sich zu ihr runter. Er verströmte einen angenehm süßlichen Duft und als Kjara einen ersten bewussten Blick auf sein Gesicht erhaschte, wäre ihr fast ein ›wow‹ entglitten. Dieser Kerl war verdammt scharf! Stattdessen stammelte sie ein paar unverständliche Worte.
»Ich bin Erik Lopéz.« Er kniete sich vor sie und sah sie aus eisblauen Augen an. Sein gepflegter Drei-Tage-Bart ließ ihn ein wenig verrucht aussehen, seine Stimme klang ruhig und freundlich. Jetzt lächelte er und entblößte dabei eine Reihe perfekter Zähne.
Kjara hatte Mühe, sich wieder ihren davongekullerten Lebensmitteln zuzuwenden. »Kjara Winter«, murmelte sie.
»Ein schöner Name.« Erik half ihr, die Lebensmittel zurück in die Beutel zu stecken, und hielt bei der dritten Packung Tiefkühllasagne inne.
»Was denn?«, sagte sie und riss ihm die Lasagne aus den Händen. »Ich mag das Zeug.«
»Sie trinken ja reichlich löslichen Kaffee.«
»Sind Sie Ernährungsberater oder was? Aha! Hier, die Servietten.«
Kjara reichte sie ihm, Erik winkte ab. »Halb so wild, ich habe immer ein frisches Hemd in meinem Koffer.«
Kjara schielte an Erik vorbei und entdeckte einen grauen Aktenkoffer hinter ihm.»Oh. Das ist besser als die Servietten.«
Akuma


Nicole Siemer Nicole Siemer wurde 1991 in Papenburg (Emsland, Niedersachsen) geboren. Seit dem Abschluss ihres Belletristik-Fernstudiums an der Schule des Schreibens 2017, widmet sie sich in erster Linie unheimlichen Geschichten mit philosophischen Anregungen. Nebenbei schreibt sie Kurzgeschichten, die sie auf ihrem Blog https://dreiwoerter.home.blog/ kostenlos zur Verfügung stellt.
Ihre Kurzgeschichte »Gebrochene Lady« wurde 2018 als Publikumslibling im Genre „Horror“ in der Anthologie Zusammengewürfelt des Verleger Verlags veröffentlicht.
Im April 2019 veröffentlichte Nicole ihren Debütroman Todessamen. Er ist ihr erstes Projekt im Genre Fantasy.

Website von Nicole Siemer


Die Interview-Reihe This or That erscheint zweiwöchentlich auf diesem Blog.
Alle bisher erschienene Beiträge sind hier zu finden.

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