Hinterhofleben Maik Siegel

Hinterhofleben | Maik Siegel

Gab es in Deutschland wirklich nicht genug Platz für Flüchtlinge? Und warum war es Menschen nicht erlaubt, ein Land zu betreten? Deutschland hatte keinen König, dem das Land gehörte und der entscheiden konnte, wer dort leben durfte und wer nicht, so wie er entscheiden konnte, wer zu seiner Geburtstagsfeier kam. Wem gehörte das Land? Konnte einem ein ganzes Land gehören? Er hielt das für unwahrscheinlich – niemand war so reich. S. 47

Der Inhalt

Bei der Mieterversammlung der Nummer 68 im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg wird entschieden, dem syrischen Kriegsflüchtling Samih zu helfen und ihn aufzunehmen.
Während die einen nur helfen wollen, ist den anderen wichtig, dass sich nichts ändert. Offene Ignoranz trifft auf vermeintliche Hilfsbereitschaft. Aber nichts ist wie es scheint und die Anwesenheit von Samih zeigt erst die wahren Charaktereigenschaften der Bewohner der Nummer 68. Die Situation bringt jeden Einzelnen von ihnen an ihre Grenzen, stellt sie vor Entscheidungen, die offenbaren, was ihnen wirklich wichtig und heilig ist.

Meine Meinung

Im Hinterhof der Nummer 68 steht eine Linde. Und mit dieser Linde beginnt und endet schließlich auch die Geschichte.

Doch wäre es ein Irrtum, sie deutsch zu nennen. Sie ist ein Weltbaum: Von China über Iran bis hin zu den Vereinigten Staaten ist sie in zahlreichen Ländern verbreitet. Sie wächst in subtropischen wie in gemäßigten Gebieten und gedeiht in vielerlei Form: Tilia insularis, Tilia mongolica, Tilia euchlora. In China, Japan und Korea gibt es Lindenarten, die nur dort auftreten, nicht aber in Deutschland. Hierzulande sind nur wenige Lindenarten beheimatet. Sie existiert nicht, die deut­sche Linde. Trotzdem glauben viele fest daran, dass es sie gibt. S. 7

Wunderbar metaphorisch und geschickt taucht diese Linde immer wieder in der Geschichte auf, und erlebt die Mieterversammlung und den darauf folgenden Einzug von Samih mit. Beobachtet Lügen, Intrigen, Angst, Trauer, Hilflosigkeit, aber auch Freundschaft und Zuneigung. Mir hat das äußerst gut gefallen, vor allem am Ende.

Im Haus wohnen 15 Menschen: Inga und Jan, Ott, Günther und Ute, Anne und Sven mit ihrer Tochter, die beiden Studentinnen Julia und Nikola, Will und Familie Massawe. Ein bunter Querschnitt der deutschen Bevölkerung versammelt in einem Haus.
Die Geschichte beginnt also unter der Linde, bei einem Mietertreffen. Inga verkündet, dass der Flüchtling Samih aufgenommen werden soll. Die einen reagieren entgegenkommend und sind absolut dafür zu helfen, während die anderen offen äußern, dass sie das für keine gute Idee halten. Letztlich wird abgestimmt – Samih darf einziehen.

Man bekommt einen ersten Eindruck der einzelnen Charaktere: die vorurteilsbehaftete und tratschende Ute, der überkorrekte Günther, der aber sonst keine Meinung zu haben scheint, der wissbegierige Tumaini Massawe, das tugendhafte Ehepaar Anne und Sven, die moralpredigende Inga und der zynische Ott.
Charaktere die man selbst kennt oder zumindest schon mal kennengelernt hat.
Erzählt wird die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven der Bewohner, teilweise überschneiden sich diese und machen deutlich wie unterschiedlich die Wahrnehmung dieser verschiedenen Menschen ist.

Samih zieht schließlich ein und während Inga irgendwie enttäuscht ist, dass er sich nicht so dankbar zeigt, wie sie erwartet hatte, dass er nicht gesellig mit allen Freundschaft schließt und sich eher zurück zieht, versucht der pfiffige Tumaini herauszufinden, was Flüchtlinge überhaupt sind, denn seine Eltern kann er nicht fragen und auch die anderen Erwachsenen scheinen alle zu sehr mit sich selbst und ihren eigenen Gedanken und Leben beschäftigt zu sein. Denn auch wenn es keiner offen zugeben will, sie haben alle ihre Sorgen mit dem Einzug des Flüchtlings, machen sich ihre Gedanken, statt sich allerdings auszutauschen oder zu informieren, Samih kennenzulernen, ziehen sie ihre eigenen Schlüsse, glauben dem Hausflurtratsch und gehen dem neuen Mitbewohner weitestgehend aus dem Weg.

„Genau. Bei Lehrern denkt man an miefige Klassenräume oder schwierige Klausurarbeiten. Und so denken manche Menschen an Angst und Diebstahl, wenn sie Flüchtlinge sehen.“
„Aber warum?“
„Weil Flüchtlinge fremd sind. Sie sprechen eine andere Sprache, sie sehen anders aus, sie haben vielleicht eine andere Religion. Alles an ihnen ist anders und manche Menschen haben vor diesem Anderssein Angst. Anstatt aber auf die Flüchtlinge zuzugehen und sie kennenzulernen, um zu sehen, dass sie gar nicht so anders sind, ziehen die Menschen sich umso mehr vor ihnen zurück und denken sich über sie Lügen aus, damit sie wieder verschwinden.“ S. 228

Hinterhofleben von Maik Siegel Bald kommt es zur nächsten Mieterversammlung und alle sind sich einig: der Flüchtling muss weg.
Zu gefährlich, zu merkwürdig, zu angsteinflössend, zu anders.
Bei all diesen Zusammenkünften äußern sich die Bewohner meist offen, machen sich Luft – oft sitzt Samih dabei, kann das Geredete verstehen und wird doch von niemandem mehr beachtet, als eine Zimmerpflanze.

Fazit

Das Buch zeigt ganz wunderbar, dass kein Mensch fehlerfrei ist. Niemand ist ist frei von Schuld und trotzdem sucht jedermann schnell und gerne die Schuld bei anderen statt bei sich selbst. Wir alle sind voller Vorurteile und obwohl es so leicht wäre diese durch echtes Interesse zu widerlegen und wenigstens aus dem eigenen Kopf zu schaffen, wird allzu oft der Weg der Einfachheit gegangen. Bloß nichts Neues, bloß nichts, das anders ist, bloß keine Veränderungen. Und helfen, ja gerne, aber bitte nur, wenn es keine Umstände macht.
Maik Siegels Debüt ist absolut gelungen: tiefgründig, bewegend und überraschend. Eins meiner Lese-Highlights in 2018!


Weitere Rezensionen

Franzi von Lovelymix
Tina von Kill Monotony

2 Gedanken zu „Hinterhofleben | Maik Siegel

    • MlleFacettenreich sagt:

      Das muss unbedingt ganz nach oben. Das war wirklich toll. Eine wirklich berührende Geschichte und ein guter Stil. Wirklich sehr, sehr lesenswert.
      Meld dich auf jeden Fall mal, wenn du es gelesen hast. Würde mich interessieren, wie es dir gefallen hat. :-)

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