Fliegende Hunde Wlada Kolosowa

Fliegende Hunde | Wlada Kolosowa

Der schlimmste Frost war vorüber, dennoch war es kalt und windig. In Russland, dachte Oksana, lebt man nur im Sommer so richtig. Vielleicht benutzt man deswegen im Russischen dasselbe Wort für „Jahr“ wie für „Sommer“. In einem Monat wurde sie siebzehn Sommer alt.

Der Inhalt

Lena und Oksana sind beste Freundinnen. Sie erzählen sich alles, teilen alles, probieren alles aus. Sie sind glücklich zu zweit und brauchen niemanden sonst. Als Lena aber als Model nach Shanghai geht, lässt sie Oksana zurück und setzt ungeahnt eine Entwicklung in Gang. Denn während Lena sich das Modelleben schön redet und angestrengt Dinge tut, die sie meint tun zu müssen, weil man das eben so macht, findet die zurückgelassene Oksana sich selbst, wird ein Stück erwachsen und erkennt, was wahre Freundschaft, wahre Liebe wirklich ist.

Meine Meinung

Die Geschichte um Lena und Oksana hat mir wirklich gut gefallen. Weil sie echt war. Weil sie genau einfangen konnte, wie es ist, wenn man nicht mehr Kind ist, aber auch noch nicht richtig erwachsen. Wie es ist, wenn man seinen Platz im Leben noch nicht finden konnte. Wie es ist, wenn man merkt, dass alles ganz anders ist, als man immer glaubte. Und wie es ist, wenn man endlich Ballast los wird.
Es ist die typische Mädchenfreundschaft, die man in dem Alter so führt. Das eine Mädchen stark und dominant, das andere Mädchen untergeben und froh Teil dieser Freundschaft sein zu dürfen. Nichts wird in Frage gestellt. Lena bestimmt und macht die Regeln, Oksana fügt sich diesen mehr als gerne.

Als die beiden aber zum ersten Mal in ihrem Leben länger voneinander getrennt sind, lichtet sich der Begeisterungsnebel um Lena, in dem Oksana steckte. Während sie sich von ihrem Kummer anfangs noch mit der sogenannten Leningrad-Diät ablenkt (bei der man nur so viel essen darf, wie einst die Opfer der Blockade) und Sehnsucht hat nach Lena, die sich einfach nicht meldet, seit sie modelt, so wird sie mit jedem Tag ohne Lena auch stärker und selbstbewusster. Erkennt endlich sich selbst und ihren Wert und vor allem was ihr wichtig ist.

Trotz allem musste Oksana sich eingestehen, dass sie das Forum vermisst hatte, diese anonyme Nähe, die es bot, die Zuneigungshappen durch Interpunktion. Ein Zuzwinkern per Komma, ein Lächeln mit einer Klammer, die Herzchen aus Sonderzeichen. „Das wird schon! :)“, „Wir denken an dich :-***“, „Sei nicht traurig, Süße! <3 <3 <3“.

Währenddessen lebt Lena als Model in Shanghai und redet sich ihr jämmerliches Modeldasein, das sie dort führt, schön. Beim Schönreden helfen ihr immer wieder die Gedanken an Oksanas Neid, der für Lena so selbstverständlich ist, dass sie keine Sekunde in Frage stellt, dass es anders sein könnte, dass Oksana sie nicht beneiden könnte. Immerhin hat Lena selbst es geschafft, aus dem Nest wegzukommen, in dem sie wohl sonst als Hausfrau und Mutter das ätzende Leben führen würde, das schon so viele vor ihr fristeten und welches auch Oksana bevorsteht und nur unglücklich machen kann.
Schnell wird dem Leser aber klar, wie unsicher Lena ist und wie oft ihre Entscheidungen davon beeinflusst werden. Sie hat so sehr Angst davor zurück in ihr Heimatdorf zu müssen, in dem sie sich ihren wahren Gefühlen stellen oder sie für immer ignorieren müsste, dass sie sogar mit einem älteren Mann anbandelt und Dinge tut, die sie nicht leiden kann, nur um sich ihren Platz in Shanghai zu sichern.

Aber sie alle verband eine stickige Nähe, wie sie zwischen Menschen entsteht, die Mahlzeiten, Klamotten und Sorgen teilen, die um dieselben Jobs kämpfen, die zusammen aufstehen und wieder zu Bett gehen. Ihre WG erinnerte Lena an die riesigen Haarklumpen im Duschabfluss des Apartments: Ljudmilas und Gabrielas helle Haare, vermischt mit den schwarzen von Alima und den Zwillingen, den braunen von Katarzyna und Amanda und ihrem eigenen Straßenköterblond. Widerlich. Unzertrennlich.

Als die beiden nach einigen Monaten wieder aufeinandertreffen, weil Lena Urlaub hat, ist es für kurze Momente wie früher. Oksana ist einfach nur glücklich, dass Lena wieder da ist, während Lena wieder weg möchte, weil sie sich ihre Gefühle zu Oksana nicht eingestehen kann. Für einen Augenblick scheinen beide wieder ihre gelernte Rolle einzunehmen. Aber die Trennung war zu lang, durch Lenas Abwesenheit hat sie nicht mehr die Kontrolle über Oksana, die sie einst hatte.

„Findest du mich seltsam?
„Du bist nicht seltsam“, sagte Mammut. „Du bist selten.“
Er setzte ihren Rucksack ab. „Tschüss dann. Bis morgen!“
Weil Mammut so wenig sprach, bekam alles, was aus seinem Mund kam, Gewicht. Meinte er „selten“ wie ein Edelstein, fragte sich Oksana, oder „selten“ wie ein besonders kurioses Tierchen? Ein Leguan oder so? Barg Mammuts Kopfkondom vielleicht ein komplizierteres Innenleben, als sie annahm? Oder war es bloß so, dass schweigsame Menschen intelligenter wirkten als Labertaschen, weil sie weniger Gelegenheiten nutzten, um dummes Zeug zu reden?

Buch und Autorin

Die Kapitel wechseln sich zwischen Oksana und Lena ab. Das gibt einen wunderbar tiefen Einblick in die Gedanken der beiden unterschiedlichen Mädchen und auch in ihre gleiche Welt, die teils so unterschiedlich wahrgenommen und empfunden wird. Es ist interessant zu verfolgen, dass die vermeintlich starke Lena meist von Angst und Unsicherheit geleitet wird, während die unscheinbar wirkende Oksana endlich ihren Glanz und ihre Stimme findet. Wenn auch tragisch, da es eben eine dieser Geschichten ist, die wir alle selbst erlebt haben: jemanden den man so sehr liebt, mit dem man so viel erlebt hat, aufgeben, damit man, man selbst sein kann.

Eine besondere Geschichte über das sich selbst finden oder das sich nicht trauen und zwangsläufig doch die Rolle einzunehmen, die man doch nie wollte. Ein starkes Debüt von Wlada Kolosowa welches ich absolut empfehlen kann. Ich bin sehr gespannt auf alles was noch von ihr kommt.


Weitere Rezensionen

Das Buch habe ich zusammen mit Julia von Leselust gelesen. Hier gibt’s ihre Rezension.


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Das Buch habe ich bei vorablesen gewonnen. Vielen Dank für das Rezensionsexemplar.

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