Benedict Wells - Fast genial

Fast genial | Benedict Wells

Er war nur ein Spritzer Sperma eines fremden Genies, das seitdem keinen einzigen Gedanken an ihn verschwendet hatte. Und womöglich lebte sein Vater mit zwei wohlgeratenen Kindern und seiner sympathischen Frau in einem riesigen Haus, und das Letzte, was er wollte, war Besuch von seinem Sperma, das an seiner Tür klingelte und „Hallo, Papa“ sagte. S. 107

Der Inhalt

Francis führt ein Scheißleben. Zusammen mit seiner Mutter wohnt er in einem Trailerpark, sein Stiefvater ist mitsamt seines Halbbruders abgehauen, von seinem leiblichen Vater weiß er sowieso nichts und nun ist seine depressive Mutter mal wieder in der Klinik. Hier lernt er Anne-May kennen. Anne-May scheint auch ihre Probleme zu haben, kommt Francis in der Klinik aber mehr als normal vor.

Als Francis Mutter einen Selbstmordversuch unternimmt, nimmt die Geschichte Fahrt auf, denn sie hat Francis einen Abschiedsbrief hinterlassen, in dem sie nach all den Jahren endlich über seinen leiblichen Vater schreibt. Francis ist ein Samenbankkind. Aber nicht irgendeines, sondern eines aus der sogenannten Samenbank der Genies. Kurzehand entschließt Francis sich zu einem Roadtrip von der Ostküste an die Westküste, um mehr über seinen Vater und somit auch über sich selbst herauszufinden. Mit den Genen eines Genies in sich, muss das Leben doch mehr für ihn bereithalten, als das was es aktuell bietet. Er ist sich sicher, dass er seinen Vater nur kennenlernen muss, damit sich etwas tut und sein Leben einen anderen Weg nimmt, also macht er sich mit seinem besten Freund Grover und Anne-May auf die Reise, die sein Leben verändern soll.

Meine Meinung (die nicht ohne Spoiler auskommt)

Francis scheint zu glauben, dass man auf gar nichts im Leben Einfluss hat, dass beim Zusammenschluss von Ei und Sperma, die Würfel gefallen sind; die Karten gegeben. Stimmen die Gene und die Umstände, hat man ein gutes Leben, stimmen sie nicht, dann eben nicht. Eine einfache These, die in meinen Augen falsch ist, die sich in seinem Kopf aber beharrlich hält.

Francis macht sein Glück und seinen Erfolg immer wieder zu sehr von Dingen abhängig, auf die er keinerlei Einfluss hat. Zuerst reist er der wahnwitzigen Vorstellung nach, dass wenn er seinen Vater kennenlernt, der ein intelligenter, erfolgreicher Mann ist, er seinen Platz im Leben findet – vielleicht sogar einen liebenden Vater – und dann wird sich schließlich auch Francis eigene Intelligenz, sein Erfolg, endlich offenbaren. Dann wird sein Leben endlich besser.

Dabei hat er das beste Gegenbeispiel bei sich, seinen besten Freund Grover. Der zwar wohlhabend und behütet aufwächst, aber dennoch Spott und Hohn in der Schule ertragen muss. Der trotzallem aber nicht wütend auf das Leben ist, sondern schlicht das beste daraus macht.

„Weil das Leben scheiße ist, deshalb.“
„Wieso ist das Leben scheiße?“
Francis schüttelte den Kopf. Man hätte diesen denkwürdigen Moment einfrieren sollen. Grover Chedwick hatte tatsächlich gefragt, wieso das Leben scheiße war. Der wandelnde Beweis für diese Theorie hatte quasi sich selbst in Frage gestellt. Er dachte an bleierne Schultage voller Demütigungen von Typen wie Brad Jennings, an die ewige Bevormundung durch seine Mutter. An die Ignoranz der Mädchen, die sich nie für seine liebenswürdigen Schrullen interessiert hatten, und an den Tisch in der Ecke der Cafeteria, abseits von allem. Konnte es sein, dass Grover dieses Leben trotzdem irgendwie mochte? S. 106

Die enttäuschende Wahrheit

Natürlich erkennt Francis als er seinen Vater trifft, dass dieser ein Versager ist. Ein Hochstapler, ein Betrüger, ja ein Krimineller. Was auch Francis zu einem Versager macht – jedenfalls nach seiner Theorie. Immerhin erklärt das, warum sein Leben so läuft, wie es läuft. Liegt es doch an den Genen und nicht an ihm selbst.

Dabei hat Francis auf seiner Reise wenigstens einmal die Möglichleit, sein Leben besser zu machen. In Las Vegas spielt er Roulette und hat tatsächlich auch Erfolg. Fast 40.000 Dollar hat er aus seinem Startkapitel gemacht. Verpasst aber den Moment auszusteigen, sein Leben mit dem profanen Mittel Geld besser zu machen (was durchaus möglich wäre, wenn man bedenkt, dass er bis dahin in einem Trailerpark lebt und die Rechnungen der Klinik in der seine Mutter ist an der Backe hat) und verzockt das ganze Geld wieder. Alles zurück auf Anfang.

Francis kommt also leider nicht hinter die Weisheit, dass er selbst sein Leben in der Hand hat und seinen Erfolg, nicht von Genen oder Glücksspiel abhängig machen darf. Machen kann.
Die Reise war eine einzige Enttäuschung, auch wenn immerhin die Erinnerung an einen verrückten Sommer mit seinem Freund Grover und dem Mädchen Anne-May bleibt. Das ist aber auch alles. Wiedermal hat das Leben Francis enttäuscht.

Er schaute zu Alistair, aber der rauchte gerade Bong und sagte vor sich hin: „Objektiv gesehen ist der Tod das Beste, was den Menschen passieren konnte. Er zwingt sie, sich dem Leben zu stellen, jede Sekunde davon zu genießen und sich zu verwirklichen. Er ist das einzig richtige Ende, notwendig und ein starker Antrieb.“ Er machte eine Pause. „Subjektiv gesehen ist der Tod natürlich scheiße.“ S. 186

Aber …

Bis einige Zeit nach dem Trip Anne-May anruft und ihm erzählt, dass sie schwanger ist – von ihm, Francis. Eine erste Regung in die richtige Richtung, denn hat Francis zwar nicht begriffen, dass er derjenige ist der etwas aus sich machen muss, wenn er jemand sein will, so möchte er aber immerhin dafür sorgen, dass sein Sohn ein besseres Leben hat als er und nicht irgendwann so enttäuscht von ihm ist, wie er von seinem eigenen Vater enttäuscht ist. Also nimmt er seine Situation endlich hin, hofft nicht mehr auf das große Wunder, das alles verändern wird, geht arbeiten, spart jeden Cent, kümmert sich so gut um seinen Sohn, wie man ihn lässt.

Benedict Wells - Fast genial Ich war von seiner fleißigen Tugendhaftigkeit positiv überrascht. Manchmal braucht es eben erst einen eigenen Sohn, um zu erkennen, was wirklich wichtig ist. Aber leider kann Francis es nicht darauf belassen; kann seinem Traum nicht aufgeben.
Er nimmt das gesparte Geld erneut mit nach Vegas, in dem Versuch es in einem Schlag zu vervielfachen.
Und diesmal kommt er weiter, als bei seinem ersten Versuch vor einigen Jahren. Hat eine Glückssträhne und darf sogar an dem Tisch spielen, an dem bloß die großen Einsätze gemacht werden. Alles auf Schwarz! 500.000 Dollar. Wenn er gewinnt, ist er Millionär.

„Das Wichtigste ist, dass du deine ganzen beschissenen Träume und Hoffnungen packst und sie nie mehr loslässt“, hatte er gesagt. „Du kannst schreien, du kannst verzweifeln, du kannst winseln. Doch selbst wenn du schon kaum mehr an dich glaubst, du darfst sie nicht loslassen. Denn wenn du’s tust, dann ist’s aus, Kleiner. Ab dem Zeitpunkt ist dein Leben vorbei. Dann kannst du zwar noch jahrelang durch die Welt wandeln, aber innerlich bist du längst tot … so wie die meisten hier.“ S. 210

Wie es endet, überlässt Benedict Wells dem Leser. Für seinen Sohn und seinen Seelenfrieden wünsche ich ihm, dass er gewonnen hat … aber realistisch gesehen funktioniert das Leben so nunmal einfach nicht.
Und genau deshalb glaube ich, dass er das Geld in Vegas wohl nicht gewinnt, denn dann würde Francis eventuell endlich begreifen, dass es dumm ist, sein Glück oder das Glück anderer durch Zufall entscheiden zu lassen. Dass er seinen Sohn ebenso gut unterstützen kann, ohne in Vegas zu gewinnen. Dass es Fleiß und Disziplin braucht, aber dass das manchmal der einzige Weg ist, den wir haben.

Mein Fazit

Benedict Wells schildert eindrucksvoll die Zufälligkeiten des Lebens. Angefangen damit, welche Eizelle und welches Spermium sich zusammenschließen, aus dem dann das eigene Selbst entsteht. Eine Situation auf die man in seinem Leben den wenigsten Einfluss hat. Bis hin zu der Zufälligkeit eines Rouletterads und einer kleinen Kugel, welche darüber entscheiden können, ob man arm oder reich nach Hause geht – egal wie arm oder reich man kam. Bekanntschaften, Freundschaften, Familie … alles zufällige Gegebenheiten.
Und auch wenn Francis Geschichte nicht zu einer meiner liebsten geworden ist, da ich Francis Blick auf die Welt nicht nachvollziehen kann, ist es eine kurzweilige und unterhaltsame Geschichte, die absolut lesenswert ist.

Die Musik breitete sich im Saal aus. Im Orchester war etwas Unsichtbares, Namenloses entstanden, es flog von der Violine zu den Oboen und Trompeten, es streifte die Hörner, Klarinetten und die Pauken und wehte dann nach oben zu der Decke aus Holzbögen. Schließlich flog es zu den Zuschauern, es traf sie nicht unerwartet und dennoch stark, es berührte jeden auf andere Weise. S. 221

5 Gedanken zu „Fast genial | Benedict Wells

  1. Wortmeer sagt:

    Die Rezension gefällt mir richtig gut, weil sie viele meiner eigenen Gedanken zum Buch in Worte fasst. Das Spiel mit dem Zufall, und diese höhe Bedeutung, die Francis Zufälligkeiten zuschreibt. Und ich muss gestehen, auch ich war irgendwann richtig genervt von diesem anscheinend unbelehrbaren Francis, der seine Chancen nicht ergreift und nur Träumen hinterher rennt.

    • MlleFacettenreich sagt:

      Ich finde es gut zu wissen, dass jemand anderes die gleiche Empfindung beim Lesen hatte, wie ich. Manchmal hab ich ja Sorge, dass mir einfach etwas Wesentliches entgeht oder so. :-D
      Genervt war ich nicht, das Buch an sich hat mir trotzdem Spaß gemacht und ich habe die Reise der drei gerne verfolgt. Ich fand Francis nur so unglaublich unbelehrbar. Aber da bin ich charakterlich einfach anders als er. ;-) Vielleicht ist es aber auch genau das, was Wells schaffen wollte. Dass man die „Moral“ nicht über das Lernen des Protagonisten erfährt, sondern darüber, dass man sich fragt, warum der Protagonist, so an seinem Glauben festhält und nicht weiser werden möchte. :-)

      • Wortmeer sagt:

        Ja, ich kann mir auch vorstellen, dass er das aus nem guten Grund so gemacht hat. Ich finde z.B. durch eine innere Reibung, die bei solchen Unstimmigkeiten/konträren Einstellungen entsteht, wird einem mehr bewusst, was einem selbst wichtig ist – und wo man manchmal noch mehr dafür tun könnte.

        • MlleFacettenreich sagt:

          Genau und das ist von einem Autor ja auch eigentlich ein viel klügerer Weg den Leser auf etwas zu stoßen oder zum Nachdenken zu bringen, als wenn man es so auf dem Silbertablett serviert.

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