Das Licht ist hier viel heller

Das Licht ist hier viel heller | Mareike Fallwickl

Die Geschichte eines Mannes, der am Ende seiner Karriere scheint, frisch geschieden, heruntergekommen, am Ende. Und die seiner Tochter, die versucht ihren Platz in der Welt zu finden, sich zu behaupten gegen ihre einnehmende Mutter und die misogyne Welt in der sie leben muss.

„Home is where the hurt is.“ Seite 225

Abwechselnd schreibt Mareike Fallwickl aus Sicht vom Wenger und seiner Tochter Chloey, die aber lieber Zoey genannt wird. Eindrucksvoll schafft die Autorin den Sprung zwischen den beiden so verschiedenen Figuren und deren Blick auf die Welt, die so unterschiedlich scheint, obwohl es doch eigentlich dieselbe ist. Denn es ist nunmal anders, wenn man als „Alphamann“ durch diese Welt geht und nicht als junge Frau, gerade erst achtzehn, die noch Hoffnung in alles hat, aber schnell begreifen muss, dass sie doch nicht so machtvoll ist, wie sie immer dachte.

Während man Wenger ziemlich oft einfach nur schütteln und ohrfeigen möchte und sich fremdschämt für ihn, möchte man Zoey fest umarmen, ihr beistehen gegen die Dominanz ihrer Mutter, die ihre Tochter einfach nicht verstehen will, die Ignoranz ihres Vaters, der selten etwas wirklich sinnhaftes sagt und wirklich jedes Machogetue perfektioniert, welches nur existiert, gegen all die Ungerechtigkeit, die ihr widerfährt.

Trotz allem hatte ich das eine oder andere Mal ein kleines bisschen Mitleid mit Wenger.
Hatte Mitleid mit seiner Eingeschränktheit. Seinen Unfähigkeiten und was er dadurch verpasst.
Eigentlich will der Wenger es ja richtig machen, manchmal versucht er es sogar ein bisschen.
Aber eben nicht genug. Zu sehr würde er aus seiner Komfortzone austreten, wenn er sich wirklich mal in die Frauen, und seien es nur die in seiner näheren Umgebung, hineinversetzen müsste. Würde er es gar ertragen, wenn er fühlte, was sie fühlen? Ist das vielleicht der Grund, warum er lieber in seiner Position verharrt, wo es für ihn gemütlich und bequem ist?
Und dann geht es auch wieder mit dem Anflug von Mitleid. Denn er kämpft den falschen Kampf und diesen auch nur für sich selbst.

Die Gefahr lauert überall. Seine Haut ist dünn, sein Schädel hält nicht viel aus, seine Knochen brechen, ohne die meisten Organe kann er nicht leben und hat doch fast immer nur eins davon. Ein Sturz, ein Zusammenprall, ein falscher Schritt, und da ist der Tod. Seite 181

Durchbrochen werden die Sequenzen aus Sicht von Wenger und Zoey durch die Briefe einer Unbekannten. Einer äußerst wütenden, zerbrochenen Frau, die ihren Frust, Kummer und Schmerz von der Seele schreibt, um abzuschließen mit einem dunklen Kapitel in ihrem Leben. Wenger nutzt die Briefe der Frau, ihre Stimme, ihr Leid in seinem neuesten Roman. Schreibt einen Hit. Denn sein Roman über die betrogene, verlassene, vergewaltigte Frau kommt genau passend zur #metoo Debatte auf den Markt.

Aber wenn all dies bloß ein Konstrukt ist, eine menschengemachte Idee, dann ist sie auch änderbar. Dann wird es uns gelingen, irgendwann. Ich werde es nicht mehr erleben, und dennoch glaube ich daran. Wir sprengen das Patriarchat.
Wir kommen, und wir sind viele. Seite 283

Sein Erfolg auf den Schultern einer Frau, stört ihn nicht weiter. Auch nicht als seine Tochter ihm dies zum Vorwurf macht und Wenger mal wieder rein gar nichts versteht.
Letztlich macht er dann doch endlich mal irgendwas richtig, wenn auch nicht das richtig Richtige. Zoey aber zieht ihre eigenen Schlüsse, erkennt, ebenfalls durch die Briefe der Frau, dass nur sie selbst sich retten kann und sollte. Also türmt sie aus der dominanten Beziehung mit der Mutter, aus der erschütterten Beziehung zum Vater, der selbstzerstörerischen Liebelei mit einem Schulkamerad, und geht endlich ihren eigenen Weg. Frei und immerhin selbstbestimmt.

Ich halte das nicht aus, denkt man, wenn etwas passiert, wenn man zerreißt, nie im Leben halte ich das aus, und dann hält man es doch aus. Seite 290

„Das Licht ist hier viel heller“ von Mareike Fallwickl hat mich gänzlich überzeugt. Ihr Schreibstil ist herrlich, die Geschichte auf den Punkt und mehr als aktuell. Eine absolute Leseempfehlung!


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Dieses Buch wurde mir freundlicherweise von der Frankfurter Verlagsanstalt für die Rezension zur Verfügung gestellt. Vielen Dank.
Hier geht es zur Autorinnenseite von Mareike Fallwickl bei der Frankfurter Verlagsanstalt.

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